Bericht von Albrecht Materne

 „Nathan der Weise“ am 25.1. 2019 in der Gedenkstätte

Wir waren gespannt, aber auch etwas ungläubig. „ Nathan der Weise“, Lessings großes Drama, das er gegen Ende seines Lebens in unserer Nachbarstadt Wolfenbüttel geschrieben hat, in einem Puppenspiel?

Wie uns Herr Hector, der Puppenspieler vom Diwan-Theater in Osnabrück, verriet, hatte ihn schon im Alter von zwölf Jahren eine Theateraufführung mit dem berühmten Schauspieler Ernst Deutsch als „Nathan“ tief beeindruckt. Seitdem hat ihn das Drama nicht wieder losgelassen. Damals, nach dem Sieg über den Nationalsozialismus, ging „Nathan der Weise“ über fast alle deutschen Bühnen und war mahnender Weggenosse des neuen Deutschland, hüben und drüben.

Hectors Tochter, Patricia Hector, selbst Regisseurin, brachte ihre Kompetenzen ein und half nicht nur den umfänglichen Text auf eine handhabbare Länge zu kürzen. So entwickelte sich  die Gestalt des Puppenspiels, die wir zu Gesicht bekamen: Auf aufwendige Kulissen und Requisiten wurde verzichtet, interessante Ausnahme war der Sultanspalast. Alles andere, Auftritt und Abgang der Puppen organisierte Herr Hector allein, als „Spielleiter“. Unter weit- gehender Beibehaltung  des Lessingschen Wortlautes und mit einer imponierenden Gedächtnisleistung führte er die Zuschauer kommentierend durch das Drama, dessen bedeutsamer Sinngehalt wirklich erhellt wurde.

Lessings Drama spielt bekanntlich im Nahen Osten, in Jerusalem zur Zeit der Kreuzzüge, die blutige und grausame Eroberungskriege mit Hunderttausenden von Toten waren. Sie führten zu schlimmen Pogromen und bis heute spürbaren Feindseligkeiten zwischen der muslimi-schen und abendländisch-christlichen Welt.

Gleich zu Anfang des Dramas berichtet der von einer Geschäftsreise zurückgekehrte Nathan, dass sein Weg von „Babylon“ nach „Jerusalem“ weit und beschwerlich gewesen sei, weil ihn  langwieriges „Einkassieren von Schulden“ aufgehalten habe. Nathans Reisebericht ist sinnbildlich zu verstehen. Für ihn ist z.B. „Babylon“ nicht nur eine Ortsangabe, sondern auch – wie das biblische „Babylon“ – ein Sinnbild für Entzweiung:  Für Verständigungsschwierig-keiten, aber auch für Gewalttaten, die Angehörige unterschiedlicher Religionen sich gegenseitig antun und damit aneinander „schuldig“ werden. Nach mühseligen Lernprozessen erkennen sich Jude, Muslim und Christ am Ende des Dramas als Verwandte, als Menschen – in „Jerusalem“.  Der Lernweg endet mit der Versöhnung der ehemals Verfeindeten.  Durch menschenfreundliches Sprechen und Handeln haben die Hauptpersonen ihre alten, schuldhaften Verstrickungen („Schulden“) überwunden.

Das Problem, wie Gewalt in den Köpfen entsteht und Verständigung verhindert, ist drama-turgisch ebenso anschaulich und eindrucksvoll gestaltet wie das Gelingen von Verständi-gung: Das Drama ist unübersehbar angelegt auf Erkenntnis und Aufhebung  der Blindheit der Personen gegenüber sich selbst  und den Menschen, die anderen Religionen angehören.

Lessing nennt die dafür zu erbringende Leistung an anderer Stelle  einmal „aufrichtige Mühe“. Nicht mühelose, abstrakte Propagierung von Menschenliebe, sondern aktive Erkenntnisarbeit und solidarische Anstrengung seien dafür erforderlich. – Und dennoch kann diese Arbeit misslingen, wie die letzte Äußerung Saladins  zeigt.

Den durch Interpretation erschließbaren Sinn dieses großartigen Dramas in Beziehung zu setzen zu unserer bedrückenden gesellschaftlichen Situation und Weltlage ist eine wichtige Aufgabe heutiger Bildungsarbeit. Der Arbeitskreis Stadtgeschichte hat mit dieser Veranstaltung an einem geeigneten Ort, in der Gedenkstätte KZ Drütte, auf die große politische Aktualität der Botschaft Lessings überzeugend aufmerksam gemacht.

Albrecht Materne