KZ Drütte

Luftbild Hochstrasse 04-1945Das Lager

Eines der ersten Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg war das KZ Drütte.
Es wurde im Spätsommer 1942 in Räumen unter der Hochstraße auf dem Werksgelände der Reichswerke „Hermann-Göring“ eingerichtet.

Die vier Unterkunftsblöcke befanden sich im Kurvenbereich der Straße.
Krankenrevier, Magazin, Schreibstube und Küche gehörten ebenfalls zum KZ.
Etwa 150 KZ-Aufseher waren in zwei gut ausgestatteten Baracken im Bereich der Außenkurve untergebracht.

Die Häftlinge

Am 18. Oktober 1942 erreichte der erste Transport mit 50 männlichen Häftlingen aus dem KZ Buchenwald das Außenlager Drütte. Weitere Transporte kamen überwiegend aus dem Stammlager Neuengamme, so dass die Belegungszahl schnell auf etwa 3000 Häftlinge anstieg.
Die oft sehr jungen Männer waren aus unterschiedlichen Gründen ins KZ eingeliefert worden. Für das KZ Drütte lassen sich alle von der SS definierten KZ-Haftgruppen nachweisen: „Politische“, „Juden“, „Sinti und Roma“, „Homosexuelle“, „Zeugen Jehova“, „Schwerverbrecher“ und „Asoziale“. Im KZ Drütte bildeten so genannte politische Häftlinge die größte Gruppe, viele waren aktive Widerstandskämpfer aus dem europäischen Ausland.

Die Arbeit

Die Häftlinge des KZ Drütte waren vor allem in der Rüstungsproduktion in den Reichswerken „Hermann-Göring“ zur Arbeit eingesetzt. Einen Schwerpunkt bildete die neu eingerichtete so genannte „Aktion 88“. Dort wurden Granatenköpfe mit einem Durchmesser von 8,8 cm produziert.
In der Walzwerkhalle arbeiteten die Häftlinge im „Blockbrecher- und Blockputzerkommando“ an den Pressen zum Zerkleinern der großen glühenden Stahlblöcke. Es wurde überwiegend im zwölfstündigen Zweischichtsystem, teilweise aber auch im achtstündigen Dreischichtsystem gearbeitet. Die Häftlinge erhielten für die harte Arbeit mit dem schweren und heißen Materialien keine Schutz- oder Arbeitskleidung.

Die Lebensumstände

Die Haftzeit in den Unterkunftsräumen unter der Hochstraße war von unterschiedlichen Faktoren bestimmt. Viele hundert Männer gleichzeitig in einem viel zu kleinen Raum bedeutete permanente Unruhe, schlechte Luft und große Enge. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen und die Aborte im Raum führten zu großem Gestank und einer schnellen Verbreitung von Krankheiten.
Die Versorgung reichte nicht aus, um genug Kraft für die harte Arbeit im Werk zu sammeln. Dennoch war es überlebenswichtig, sich keine schwerwiegenden Krankheiten oder Verletzungen zuzuziehen. Denn obwohl es ein Krankenrevier gab, fand dort keine ausreichende medizinische Versorgung statt. Ein Häftling galt sehr schnell als nicht mehr arbeitsfähig und wurde in der Regel in ein anderes Lager abtransportiert.

Zwischen Oktober 1942 und April 1945 starben im KZ Drütte mehrere hundert Männer. Bis Mai 1943 wurden die Toten nach Braunschweig transportiert und dort verbrannt. Ihre Urnen wurden auf dem Friedhof Am Brodweg beigesetzt. Zwischen Juni und Juli 1943 wurden die KZ-Häftlinge auf dem Friedhof Westerholz beerdigt und schließlich auf dem neueingerichteten „Ausländerfriedhof“ Jammertal.

Die Räumung

Das KZ-Außenlager Drütte wurde drei Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen geräumt. Am Abend des 7. April 1945 wurden die Häftlinge des KZ Drütte gemeinsam mit den Frauen aus dem KZ Salzgitter-Bad in einen Zug gepfercht.
Der Transport verließ das Lager in Richtung Norden. Am nächsten Tag hielt der Zug am Güterbahnhof in Celle. Kurz darauf starteten die Alliierten einen Luftangriff auf den Bahnhof. Auch der Zug mit mehreren 1000 Menschen wurde getroffen. Viele Häftlinge kamen dabei ums Leben.

Diejenigen, die sich zunächst in die Umgebung retten konnten, wurden jedoch von der SS und Celler Bürgern zusammengetrieben, teilweise auch wahllos erschossen. Nicht marschfähige Häftlinge wurden in Celle zurückgelassen, die anderen traten den so genannten „Todesmarsch“ in das völlig überfüllte KZ Bergen-Belsen an. Die Überlebenden wurden dort am 15. April 1945 von den alliierten Truppen befreit.

Der Prozess

In den Jahren 1945 bis 1948 fanden in Hamburg mehrere Prozesse vor britischen Militärgerichten statt, in denen sich Mitglieder der SS-Lagerführung des KZ Neuengamme und dessen Außenlager verantworten mussten.
Vom 18. März bis 2. April 1947 verhandelten die britischen Militärbehörden im Curio-Haus über die Verantwortlichen des KZ Drütte. Obwohl in den Jahren zuvor gegen eine große Anzahl ehemaliger SS-Männer und Werksangehöriger ermittelt wurde, sind lediglich sieben Männer „wegen Tötung und Misshandlung alliierter Staatsangehöriger im Arbeitslager Drütte der Hermann-Göring-Werke“ angeklagt worden.
Drei von ihnen wurden als schuldig befunden:

■ Karl Hecht, der von Dezember 1942 bis Mai 1943 Rapportführer im KZ Drütte war, wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

■ Karl Sokola, SS-Wachmann, bekam eine Gefängnisstrafe von sechs Monaten.

■ Walter Mehnert, 1. Betriebsassistent der Reichswerke, wurde zu sechs Jahren verurteilt.

Der Gedenkort

1992, nach zehnjährigem Kampf, wurden dem Arbeitskreis Stadtgeschichte e.V. einer der vier ehemaligen Unterkunftsräume des KZ Drütte für die Einrichtung einer Gedenkstätte zur Verfügung gestellt.

Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Werksgelände der Salzgitter AG.